Daoistische Aphorismen

Fünf Wandlungsphasen?

Die daoistische Theorie der fünf Wandlungsphasen durchzieht fast die gesamte chinesische Kultur - von der traditionellen Medizin über die Kampfkünste bis hin zur Astrologie. Einfach ausgedrückt beschreibt sie nur einen überall in der Natur vorkommenden sich ewig wiederholenden Zyklus. Betrachtet man sich aber die natürlichen Zyklen (z.B. Jahr, Monat, Tag) einmal unvoreingenommen, so springt einem sofort etwas völlig offensichtliches ins Auge: Es existieren nur vier Wandlungsphasen.

Wandlungsphasen

Der Zyklus beginnt im Nullpunkt ansteigend bis das Yang sein Maximum erreicht hat. Dieser Bereich (die Wandlungsphase Holz) entspricht im Jahreszyklus dem Frühling, im Monatszyklus dem zunehmenden Vollmond und im Tageszyklus dem Vormittag. Der Zeitpunkt, an dem das Yang seinen Zenit erreicht, entspricht somit dem Sommeranfang, dem Vollmond oder im Tagesverlauf 12:00 Uhr mittags.
In der nächsten Phase (Feuer) nimmt das Yang immer mehr ab, bis der Nullpunkt erreicht ist. Diese Phase entspricht dem Sommer, dem abnehmenden Vollmond und dem Nachmittag.
Jetzt wechselt der Zyklus in den Yin-Bereich. Der Zeitraum vom Nullpunkt bis das Yin sein Maximum erreicht (die Wandlungsphase Metall) entspricht dem Herbst, dem zunehmenden Neumond und dem Abend. Der Zeitpunkt, an dem das Yin seinen Zenit erreicht, ist somit der Winteranfang, der Neumond oder Mitternacht.
In der letzten Phase wird der Zyklus vollendet: Das Yin nimmt immer mehr ab, bis der Nullpunkt erreicht ist. Diese Phase (Wasser) entspricht dem Winter, dem abnehmenden Neumond oder im Tagesverlauf der Nacht von 0:00 bis 6:00 Uhr.
Wo bleibt jetzt die fünfte Wandlungsphase - Erde? Diese wurde zwischen die Phasen Feuer und Metall eingefügt. Bei objektiver Betrachtung der natürlichen Zyklen lässt sich aber beim besten Willen keine weitere Phase entdecken: Es gibt nur zunehmendes und abnehmendes Yang, sowie zunehmendes und abnehmendes Yin. An der Stelle, wo die Wandlungsphase Erde eingefügt wurde, befindet sich nur der Nulldurchgang, also der Moment in dem der Zyklus von Yang nach Yin wechselt. Dies ist der erste Hinweis auf ihren Ursprung - der zweite ergibt sich aus der Bedeutung der Wandlungsphase Erde: Sie steht für die Mitte, das Zentrum. Um Licht in die Sache zu bekommen, sehen wir uns einmal an, wie der oben gezeigte Phasenverlauf entsteht:

Phasenkreis

Den blauen Pfeil könnte man als einen gegen den Uhrzeigersinn laufenden Zeiger betrachten. Er beginnt bei 0 Grad in Richtung der Wandlungsphase Holz und läuft dann im Kreis herum, bis er wieder an seinem Ausgangspunkt angelangt ist. Trägt man jetzt für jeden Winkel von 0 bis 360 Grad den Abstand der Zeigerspitze zur Grundlinie (die waagerechte Achse - die Trennlinie von Yin und Yang) in ein Diagramm ein, so erhält man die Sinuskurve aus dem oberen Bild. Die Funktion der "Wandlungsphase" Erde wird jetzt klar: Sie ist keine Wandlungsphase, sondern der Bezugspunkt, durch den die anderen Phasen erst definiert werden.
Es gibt also keine fünf Wandlungsphasen, sondern nur vier + ihren Bezugspunkt.

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