Daoistische Aphorismen

Kong Jia:
Warum man Taijiquan nicht lernen kann, wenn man nur 1-2 mal in der Woche übt

Die Entwicklung beim Erlernen des Taijiquan verläuft in mehreren Phasen. Diese Phasen haben im zeitlichen Verlauf keine festen Grenzen - sie überlappen sich und gehen fließend ineinander über.

Phase I: Körper
Die erste Phase ist in erster Linie "körperlich". Der Übende erlernt an Hand der Form und evtl. zusätzlicher Übungen die grundlegenden Prinzipien des Taijiquan, also die korrekte Ausrichtung des Körpers im Stand und in der Bewegung; das gleichzeitige Beginnen und Beenden der Bewegungen mit allen Körperteilen; die klare Unterscheidung und Verteilung des Körpergewichts auf die beiden Beine; das Loslassen, also das Lösen jeglicher unnötiger Anspannung im Körper und damit das Durchlässigmachen der Gelenke. Da letztlich der Geist den Körper steuert, wäre es falsch, diese Phase als rein körperlich zu bezeichnen: So ist beispielsweise das Loslassen der körperlichen Anspannung ein hochgradig vom Geist abhängiger Prozess.

Phase II: Qi
Die zweite Phase ist "energetisch". Sie beinhaltet die Sammlung, Wahrnehmung und Lenkung der Energie. Diese Phase wird trotz jahrelangen Übens von vielen nicht erreicht. Dafür gibt es hauptsächlich zwei Gründe:
  1. Übt man wenig, so lassen sich in der ersten Phase durchaus Fortschritte machen, zwar langsam, aber immerhin sichtbar. Um die zweite Phase zu erreichen, muss aber täglich geübt werden! Der Grund: Um den Energiefluss wahrnehmen zu können, muss a) die Energie über einen längeren Zeitraum im Dantien gesammelt werden, also eine gewisse Konzentration erreicht haben, b) der Körper entspannt, und c) der Geist möglichst still und klar sein. Mit jedem (korrekten) Üben akkumuliert sich das Qi im Dantien: Übt man nicht oft genug, so "verflüchtigt" sich diese Energie bis zum nächsten Üben wieder, so dass es zu keiner ausreichenden Konzentration kommen kann.
  2. Es wird nicht korrekt geübt. Vielen Praktizierenden ist überhaupt nicht klar, dass die Konzentration des Geistes auf das Dantien im Körperschwerpunkt eine fundamentale Übungsanforderung darstellt, da sich nur so Qi effektiv sammeln lässt. Dies kann (und sollte) ein Anfänger keinesfalls während des Übens der Form praktizieren, sondern sollte begleitend mit dafür geeigneten Übungen (stilles Qigong im Sitzen, stehende Säule, einfache Qigong-Übungen) erfolgen. Das Problem, welches hierbei zwangsläufig auftritt, ist, dass das Dantien erst ab einer gewissen in ihm gesammelten Energiedichte wahrgenommen wird. Der Übende soll sich also auf etwas konzentrieren, was er erst wahrnehmen kann, wenn er sich einen längeren Zeitraum darauf konzentriert hat: Das Henne-Ei-Problem. Wichtig für den Anfänger ist hierbei, sich keinesfalls mit der Aufmerksamkeit "Löcher in den Bauch zu brennen": Der Geist sollte nicht zu stark auf einen Punkt fokussiert werden, sondern leicht diffus vom Nabel ausgehend etwas körpereinwärts nach unten geführt werden. Stocherndes Suchen im Bauchraum mit dem Geist ist zwecklos, denn das Suchen und das Finden des Dantien schließen sich gegenseitig aus ...
Phase III: Geist
Die dritte Phase ist die "spirituelle". Nach Jahren des Übens wird der Geist zunehmend stiller und klarer - nicht nur während des Übens, sondern auch im Alltag. Das "Ich", ein Konstrukt des menschlichen Geistes, bestehend aus unbeständigen Gedanken und Gefühlen, fällt der sich ausbreitenden Stille zum Opfer. Die Welt kann vom Übenden jetzt unverfälscht als das erkannt werden, was sie ist.

Wie schon am Anfang erwähnt, ist es keinesfalls so, dass eine Phase von der nächsten abgelöst wird. Vielmehr tritt die nächste Phase zur vorherigen hinzu: Dies geschieht mit langsam steigender Intensität. So wird beispielsweise der Energiefluss nicht sprunghaft von einem Tag auf den anderen wahrgenommen, sondern schleichend immer intensiver empfunden.

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