Daoistische Aphorismen

I-Ging: Kommentar zum Hexagramm 1 "Qian"

QianDer Daoismus ist eine auf Erfahrungen basierende Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, ein Leben im Einklang mit den Naturgesetzen zu führen. Mit Hilfe von Meditation und einer allgemein angepassten Lebensweise wird die Wiedervereinigung des Menschen mit seinem Ursprung angestrebt. Das diese Vereinigung ("Erleuchtung") schon zur Lebenszeit erreicht werden kann, hebt den Daoismus von den meisten anderen Religionen ab: Als Anhänger jener muss man erst sterben, um den Wahrheitsgehalt der jeweiligen Doktrin zu überprüfen - wahrlich eine Sache des Glaubens (tatsächlich muss auch im Daoismus erst etwas sterben: Jenes Geflecht aus Erinnerungen und Emotionen, das sich im pausenlosen Geschwätz der Gedanken offenbart und mit dem Begriff "Ich" zusammengefasst wird).
Diese Überprüfbarkeit gilt nun auch für das I-Ging (Yijing), welches ursprünglich ein zutiefst daoistisches Werk ist. Wird es zur Divination (Zukunftsdeutung) eingesetzt, so lässt sich nach Eintreffen des befragten Ereignisses das Geschehene leicht mit den dazu erhaltenen Hexagrammen vergleichen. Mit diesem Vorgehen ist es möglich, das I-Ging komplett selbst zu entwickeln: Angenommen wir hätten keine Kenntnis über die Bedeutung der einzelnen Hexagramme, wären aber mit dem Vorgang des Ermittelns der Hexagramme durch Schafgarbenstengel oder Münzen vertraut. Würden wir jetzt unsere Fragen und die erhaltenen Hexagramme - also die "Antworten" des I-Ging - notieren, so bräuchten wir nur abzuwarten was passiert, um daraufhin den Zeichen eine Bedeutung zuzuordnen. Dieser Vorgang muss natürlich sehr oft über viele Jahre durchgeführt werden, so dass sich die Bedeutung der einzelnen Hexagramme mit ihren Linien immer klarer herauskristallisiert. Das größte Problem ist hierbei, die vielschichtigen Bedeutungsebenen der Liniensprüche so zu formulieren, dass sich beim Lesen die korrekte Interpretation intuitiv erschließt: Es stellt sich die Frage, ob das I-Ging überhaupt in einer anderen Schrift als mit Hilfe der alten chinesischen Zeichen formuliert werden kann, da die auf einem Alphabet beruhenden Schriften hierfür in der Regel zuwenig Spielraum lassen - sie haben einfach einen zu konkreten "festnagelnden" Charakter.

Die folgende Erläuterung zum Hexagramm 1 Qian / Kien "Das Schöpferische" bzw. "Der Himmel", basiert genau auf dem oben beschriebenen Verfahren: Ich habe in den letzten Jahren meine Fragen und die entsprechenden Antworten des I-Ging auf dem Papier festgehalten, um im nachhinein das tatsächlich Vorgefallene mit den Hexagrammen und ihren verschiedenen Interpretationen zu vergleichen. Dazu zwei Beispiele:

Beispiel 1
Sie erfahren, dass Sie in nächster Zeit einen neuen Arbeitskollegen bekommen, mit dem Sie zukünftig eng zusammenarbeiten werden. Sie befragen das I-Ging, wie sich die Zusammenarbeit entwickeln wird, und bekommen das Hexagramm 1 ohne bewegte Linien. Einige Tage später erfahren Sie, dass die Stelle ersatzlos gestrichen wurde.

Beispiel 2
Sie befragen das I-Ging, ob es gut ist, wenn Sie sich für einen bestimmten Weiterbildungskurs anmelden, und erhalten auch hier das Hexagramm 1 ohne bewegte Linien. Sie melden sich an, und bekommen 2 Wochen später die Mitteilung, dass der Kurs mangels Beteiligung ausfällt.

Wie würde man das Hexagramm 1 aufgrund dieser Beispiele interpretieren? Die Antwort kann nur lauten: "Findet nicht statt". Davon findet sich natürlich nichts in den Texten des I-Ging, da diese wie oben beschrieben alle Deutungsmöglichkeiten abdecken müssen, und keinesfalls konkrete Interpretationen aufzeigen dürfen. Für den "Endnutzer" des I-Ging lässt sich dieser Bedeutungsaspekt aber schwerlich aus den gegebenen Texten ableiten, er kann diesen nur wie hier geschehen empirisch ermitteln. Wie sieht es jetzt aber mit dem Bezug zu den vorhandenen Hexagrammnamen und Texten aus? Was ist "himmlisch" oder "schöpferisch" daran, wenn etwas ausfällt? Hier wäre eine mögliche Erklärung die klassische Dreiteilung Erde-Mensch-Himmel, in welcher der Himmel als das erscheint, was sich dem willentlichem Einfluss des Menschen entzieht.

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