Daoistische Aphorismen

Wenn "Es" zum Rausschmeißer wird

Vor einiger Zeit saß ich abends mit drei Freunden in einer Kneipe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine etwa siebenjährige Übungspraxis im Taijiquan und Qigong. In diesem Zeitraum hatte ich nicht eine einzige körperliche Auseinandersetzung, und deshalb keinerlei Vorstellung davon, wie ich mich in einem "echten" Kampf bewähren würde: Eine Unsicherheit, die wohl viele Übende kennen dürften. Einer meiner Freunde (der merkwürdigerweise sowieso anfällig für Unglücke jeder Art ist), saß etwas ungünstig, so daß sich die anderen Gäste in dem schmalen Gang zwischen Tresen und Pfeiler an ihm vorbeizwängen mussten. Zwei Jugendlichen schien das nicht zu gefallen: Sie fingen an, ihn mit zunehmender Heftigkeit zu beleidigen. Die Situation war geradezu klassisch: Die beiden hatten es wirklich auf Ärger abgesehen, d.h., mit gutem Zureden usw. war hier nichts mehr zu machen. Während sich die Lage immer weiter zuspitzte (mein Freund reagierte nicht auf die Provokationen, und saß ruhig auf seinem Hocker), passierte etwas sehr sonderbares: Ich merkte auf einmal, wie ich immer ruhiger und ruhiger wurde, als wenn mich etwas verlassen würde. Dann ging alles sehr schnell: Ich sprang von meinem Hocker auf, der erste bekam einen leichten (!) Schlag in die Magengrube, wodurch seine gesamte Struktur völlig zusammenfiel, packte ihn am Kragen und schleifte ihn zum Ausgang. Die Tür flog auf und er raus. Ich ging zurück zum dem Zweiten, der völlig entgeistert dastand, packte auch ihn und warf ihn hinterher. Als ich wieder auf meinem Hocker saß, und die überraschten Gesichter meiner Freunde sah, kam langsam "das" wieder, was mich vorher verlassen hatte. Einer meiner Freunde meinte nur: "Man Bernd, du hättest Rausschmeißer werden sollen!".

An sich ist die Geschichte nicht sonderlich spektakulär, für mich war sie es aber sehr wohl: Die "Ichlosigkeit" und völlige Geistesklarheit, die ich in diesem Zeitraum empfunden hatte, war geradezu eine Offenbarung für mich. Es ist wirklich schwierig diesen Zustand zu beschreiben: Ich hatte mit dieser ganzen Angelegenheit überhaupt nichts mehr zu tun - es ist einfach passiert. Es ist auch nicht so, daß ich mich selber dabei beobachtete, während diese Dinge passierten: Das würde ja einen Beobachter voraussetzten - der existierte aber nicht. Auffällig war auch diese absolute Klarheit der Sinne: Alleine visuell kam mir im Nachhinein die ungewöhnliche Schärfe und Helligkeit meiner Wahrnehmung geradezu übernatürlich vor, zumal ich sonst leicht kurzsichtig bin. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Hier war kein Adrenalin im Spiel - meine Atmung und mein Puls dürfte sich bei der Angelegenheit kaum beschleunigt haben, und das, obwohl teilweise gewaltige Kräfte im Spiel waren (einen von beiden hatte ich mit der einen Hand an die Wand "geklebt", um mit der anderen die Tür aufzumachen - und ich bin nicht gerade ein Muskelpaket).
Mir ist an diesem Abend vieles klar geworden, besonders was die Behauptung "es gibt keine Technik" im Taijiquan bedeutet. Da sich alles natürlich aus der Situation entwickelt, ungeplant und ohne eingreifenden Verstand, ist jegliches Üben im Sinne von "wenn der Gegner dieses macht, dann mach ich jenes" nicht nur naiv und sinnlos, sondern dem ganzen Prozess völlig entgegengerichtet. Zwar sollte man sich über die Bedeutung der jeweiligen Figuren der Form im Sinne einer Anwendung im Kampf im Klaren sein, aber nur um sie korrekt auszuführen, und nicht, um diese Bewegung bzw. Haltung als Vorlage für eine konkrete Situation in einem Kampf zu verwenden.
Der Versuch, im Nachhinein eine Begründung dafür zu finden, warum die Auseinandersetzung von meiner Seite eröffnet wurde, obwohl dies - milde ausgedrückt - im Taijiquan unüblich ist, ist mehr als müßig: Ich habe diese Entscheidung nicht getroffen, demnach kann man sich hier nur in Spekulationen ergehen (vielleicht gab es bei dem Ersten in diesem Moment den geistigen Impuls, der der körperlichen Bewegung vorrausgeht). Wie auch immer: Wenn ich das Ganze rückblickend betrachte, hat sich die Situation für alle Beteiligten zum Besten gelöst. Das einzige was wirklich verletzt wurde, war das Ego der beiden - ganz im Sinne des Taijiquan.

zurück